Kulturpolitische Geschichte

Atelierhaus - Dosenfabrik – ein Produktionsort für freie Kunst in Hamburg Eine Idee wird zu einer Institution

Vor mehr als 30 Jahren entstand das Künstlerhaus Dosenfabrik aus einer Notlage: Eine stadteigene Immobilie (ehemalige Grundschule), bis dahin als Atelierhaus an Künstler*innen vermietet, wurde kurzfristig wieder als Schule gebraucht, die Künstler*innen standen auf der Straße. Mit ihrem Verein TheSe e.V. wandten sie sich in ihrer Not an die Kulturbehörde und fanden Gehör.

Aufgrund massiver Bemühungen, Initiativen und vielen Aktionen seitens der Künstler*innen und dem aktiven Einbinden politischer Parteien und der Kulturbehörde, bzw. deren Vertreter im kulturpolitischen Sektor, reifte eine neue Idee: Die HaGG (Hamburger Gesellschaft für Gewerbebau Förderung) und besonders Herr Günter Elste - damals Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Geschäftsführer der Hamburger Gesellschafter Beteiligungsverwaltung (Holding der Hamburger Staatsunternehmen) - entwickelten und forcierten ein Konzept für eine Mischkultur von günstigen Ateliers und Gewerbeflächen. Die brachliegende ehemalige Dosen-Fabrik an der Stresemannstraße 374 in Hamburg- Bahrenfeld bot sich als ein taugliches Objekt mit 6150 m² Nutzfläche an. Die verlassene Fabrik gliederte sich in vier Hauseinheiten, mit einem großen Vorplatz. Die urbane Lage, nicht weit entfernt vom Stadtzentrum und gut angebunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln schien perfekt für das Vorhaben zu sein. Hier konnten Atelierund Gewerberäume neu erschaffen werden. Zudem galt dies auch für eine willkommene Erneuerung und Aufwertung dieses Ortes an einer sehr befahrenen Durchgangsstraße. Mit Hilfe und Unterstützung der Kulturbehörde, die den Architekten stellte, wurde die alte Fabrik neu strukturiert, gestaltet und umgebaut. So entstanden auf drei Gebäude verteilt 28 Ateliers für Bildende Künstler*innen auf insgesamt 2320 m² Fläche. Die Dosenfabrik ist somit das größte Atelierhaus in der Hansestadt Hamburg. Die offizielle Einweihung fand 1995 statt.

Die Künstler*innen verpflichteten sich aktiv am Bau mit zu wirken: sie waren bereits in der Planungs- und Umbauphase involviert. Im Herbst 1994 bezogen die ersten Mieter die neuen Räume, die sie in viel Eigenarbeit selbst mit ausgebaut und bezugsfertig gemacht hatten. Es gibt eine einfache Ausstattung der Räume: einfache Böden, ein Emaillebecken mit Kaltwasser Anschluss und gemeinsamen Toiletten auf den Fluren. Im darauf folgenden Jahr gründete sich, nach New Yorker Vorbild, der „Writer`s Room“, ein Herzensprojekt der damaligen Kultursenatorin Dr. Christina Weiss: Temporäre Schreibplätze mit Computer für Schriftsteller oben unter dem Dach. Nun zogen auch die ersten gewerblichen Mieter*innen ein: Tanz-, Sport- und Zirkusschulen. Ein Schmuckstudio, und Werbeagenturen gesellten sich hinzu, ein Theater im Lichthof, das Kontorhaus der Gepa , der Kurdische Verein und ein Restaurant im Hinterhof. So wurde - auch mit Mitteln der Europäischen Union - in Hamburg ein Ort geschaffen, der über viele Jahre hinweg bildenden Künstler*innen gesicherte, bezahlbare Arbeitsräume zum Selbstkostenpreis bieten sollte, ganz im Sinne der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst und Kultur:

---- "Kultur wird also mit öffentlichen Geldern gefördert. Es handelt sich hierbei aber nicht um Almosen, sondern um die Anerkennung der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst und Kultur. Kulturschaffende", so heißt es aus dem Deutschen Bundestag, "leisten mit ihrer Arbeit einen unersetzbaren Beitrag zum Selbstverständnis und zur Wertedebatte in einer demokratischen und pluralen Gesellschaft" (Enquete Kommission "Kultur in Deutschland", 2007)

----"Künstlerischer Arbeit wird abseits ihres Marktwerts ein gesellschaftlicher Mehrwert zugeschrieben, der eine besondere Verantwortung des Staates erforderlich macht. Einerseits darf sich der Staat nicht einmischen. Andererseits leitet sich aus dem Grundgesetz die staatliche Aufgabe ab, die Ausübung von Kunst zu fördern. Denn Kunst und Kultur ist nicht allein nach den Maßgaben von Effizienz, Produktion oder Quoten zu bewerten. Kunst und Kultur müssen verlässlich finanziert werden, damit sie frei sein können".

Anfänge - Die Dosenfabrik vor und während des Umbaus (1993/1994)

Gerade in Großstätten wie Hamburg steigen die Mieten und Kosten ins fast Unermessliche. Sehr viele Künstler*innen sorgen sich, wie sie ihre Ateliers weiter finanzieren können und sind häufig gezwungen ihre Arbeitsgrundlage, den Arbeitsraum, aufzugeben. Was zur Folge hat, dass sie die Basis ihrer künstlerischen Produktion verlieren. Diese existentielle Bedrohung wollte man in der Gründungsphase der Dosenfabrik und seit dem durch Ateliermieten zum Selbstkostenpreis und dauerhaften Mietverträgen abwenden. Als 2020 die Mietverträge nach 25 Jahren ausliefen und das Haus eines privaten Investors verkauft werden sollte, hat die Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg für Kultur und Medien unter Senator Dr. Carsten Brosda sich intensiv für den Erhalt des Hauses eingesetzt.: "Unsere Stadt braucht kreative Orte wie die Dosenfabrik, an denen Künstler bezahlbare Räume finden. Mit dem Kauf der Dosenfabrik leistet der Senat, dass diese Räume auch in ihrer weiterentwickelten Stadt erhalten bleiben."

Durch das effektive Zusammenwirken von Kultur- und Finanzbehörde und der Sprinkenhof GmbH konnten diese die Gebäude erwerben. Wieder greift das schon langbewährte Finanzierungsmodell der Mischkalkulation von Kunstateliers und Gewerbe: "Die Zukunft des Künstlerhaus als kreativer Ort in Hamburgs ist somit langfristig gesichert." Martin Görg, Geschäftsführer der Sprinkenhof GmbH: " Der Kauf des Objektes der Stresemannstraße ist ein großer Gewinn für die künstlerische und kreative Hamburger Szene:" weiter " wir freuen uns über die schnelle Zusammenarbeit von Finanz- und Kulturbehörde in dieser Angelegenheit."
Der Erhalt des Atelierhauses Dosenfabrik wurde nach der Pandemie 2022 gebührlich gefeiert. Auf der Feier bedankte sich Marianne Janze, (zu der Zeit Vorstand von TheSe e.V ) im Namen aller Künstler*innen bei allen Mitwirkenden, die zu dem Fortbestand des Hauses beigetragen haben, und besonderen Dank galt Senator Dr Brosda : "Ein größeres Geschenk zum 25. Jubiläum der Dosenfabrik hätten wir Künstler*innen uns nicht vorstellen können, als die Absicherung unserer Ateliers. Wir sagen Danke." Der Verein "Ateliers für die Kunst e.V." unter dem Vorstand von Sylvia Henze hat den Ankauf des Künstlerhauses außerordentlich begrüßt und ebenfalls sehr unterstützt. "Atelier für die Kunst e.V." führt seit über 30 Jahren und auch weiterhin die Ausschreibungsund Vergabeverfahren der wieder neu zu vermietenden Atelierräume in Zusammenarbeit mit These e.V. durch.

2022 ist in einem der Bildhauerateliers der Projektraum "Pro-Dose" für außerhalb arbeitenden bildenden Künstler*innen ins Leben gerufen worden. Pro-Dose bietet professionellen Kunstschaffenden, temporär die Möglichkeit dort für drei bis vier Wochen an ihren künstlerischen Projekten zu arbeiten und diese dann der Öffentlichkeit zu präsentieren. So finden jährlich bis zu mindestens zehn Ausstellungen statt, die den kulturellen Austausch mit dem öffentlichen Publikum intensiviert. Jedes Jahr im Herbst können sich bildende Künstler*innen mit Schwerpunkten von Skulptur und Installation bewerben. Auch das Atelierhaus - Dosenfabrik öffnet seit 1995 jährlich seine Tore und Türen zum Tag der offenen Ateliers (TdoA) für ihre Nachbarschaft und für alle Kunst-und Kulturinteressierten. Der intime Ort des künstlerischen Schaffens verwandelt sich dann in eine öffentlich zugängliche, kulturelle Begegnungsstätte mit Präsentationen von Malerei, Bildhauerei, Skulptur, Zeichnung, Fotografie, Installationen, Performance, Video- und Digitalkunst.

Der Deutsche Kulturrat benannte 2021 die "Kunst in der Großstadt als einen zentralen Baustein urbaner Identität. Sie wird vor allem durch ihren gesellschaftlichen Zusammenhalt, sozialen Diskurs, Wirtschaftsfaktor und Identifikation wertvoll. Städtische Kunst geht über rein museale Ausstellungen hinaus und prägt das unmittelbare Lebensumfeld der Menschen."

Hamburg, 25.05.2026

Die bildenden Künstler und Künstlerinnen der Dosenfabrik

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